Von der Sehnsucht die eine Schule gründete


Ein Rückblick nach vorn
zum 20-jährigen Bestehen der Freien Schule Lindau


Stellt euch vor …

Es ist Spätsommer 2005. Die Schule ist gerade eröffnet, die Räume in der ehemaligen Luitpoldkaserne riechen noch nach Farbe, 54 Kinder beginnen in jahrgangsgemischten ersten und zweiten Klassen, der ersten „Schulstufe“, ihre Schulzeit an einem Ort, den es vor zwei Jahren noch gar nicht gab. Und dann steht der Reformpädagoge Otto Herz vor uns Gründungseltern und stellt in seiner Eröffnungsrede eine Frage, die uns alle verstummen lässt.

„Stellt euch vor“, sagt er, „ein Kind, das heute mit sechs oder sieben Jahren eingeschult wird. Bei guter Gesundheit wird es im Durchschnitt 80, vielleicht 85 Jahre alt werden. Stellt euch vor, in was für einer Welt dieses Kind als Erwachsener leben wird. Wie wird es diese Welt erleben? Wie wird es sie gestaltend und wie verantwortlich mitprägen?“

Die Vorstellung bleibt abstrakt, zu weit weg, zu ungewiss. Und genau deshalb lädt er uns ein, die gleiche Lebensspanne in der Zeit zurückzureisen. „2005 minus 80 Jahre – das ist 1925. Macht euch klar, was sich seither auf der Welt getan hat.“

1925. Weimarer Republik. Eine Welt ohne Fernsehen, ohne Penicillin, ohne Plastik. Radio ist brandneu. Acht Jahre später: Machtergreifung. Sechs Jahre später: Weltkrieg, Holocaust, Hiroshima. Deutschland in Trümmern. Der Eiserne Vorhang teilt die Welt. 1947 wird Indien unabhängig – Beginn der Dekolonisierung. In den 1950ern Wirtschaftswunder mit Kühlschrank und VW-Käfer. 1961 die Mauer durch Berlin. 1969 Mondlandung – live im Fernsehen. 1972 warnt der Club of Rome vor den Grenzen des Wachstums, 1973 die Ölkrise. 1986 Tschernobyl. 1989 fällt die Mauer, 1994 endet in Südafrika die Apartheid. Dann beschleunigt sich alles: Internet in den Wohnzimmern. Emails statt Briefe. Computer in der Hosentasche. Google wird zum Verb, Wikipedia ersetzt den Brockhaus. Märkte globalisieren sich, Lieferketten umspannen den Planeten.

„Und hier sitzen wir nun, 2005, in dieser Gegenwart, und gründen eine Schule: Was“, fragt Otto Herz uns, „werden Kinder wohl in der auf sie zukommenden Lebensspanne am meisten brauchen? Welche Grundlagen muss Schule dafür legen? Wozu sollte Schule ihnen deshalb Geleit geben und welche Lerneinladungen machen?“

Und er erinnert uns daran, was wir eigentlich wissen: Kinder wollen immer lernen. Kinder wollen immer beitragen, dass Beziehungen gelingen, dass Miteinander möglich wird. Sie bringen diese Grundfähigkeiten mit. Der Rahmen, den wir schaffen – als Eltern, als Pädagog:innen, als Schulgemeinschaft – entscheidet darüber, wie sie diese Fähigkeiten entwickeln können.Ob sie sich zugehörig fühlen und ob sie ermutigt werden, ihre eigenen Fragen zu stellen, ihre Potentiale  zu entdecken und zu entfalten, sich selbstwirksam zu erleben und auch Mitverantwortung für diese, für ihre Zukunft zu tragen.

Diese Frage, diese Verantwortung – sie stand am Anfang. Sie steht heute, 20 Jahre später neu vor euch: jetzt, nachdem es gelungen ist, unsere Schule durch die intensiven Startjahre und auch durch viele Herausforderungen zu manövrieren, sie mehrfach vor einem möglichen Scheitern zu bewahren. Jetzt, nachdem sie so stabil auf Kurs liegt, wie nie zuvor, liegt diese Frage als Einladung, als Möglichkeit, in einer sich aktuell radikal verändernden Welt als Aufgabe neu vor Euch. Und vielleicht lohnt gerade jetzt deshalb eine Rückerinnerung an die Anfänge.

Alles beginnt mit der Sehnsucht

Es ist Sommer 2003, und auf der westlichen Lindauer Insel vor der Dreierstrasse 3 feiert eine Elterninitiative ihr Sommerfest: das Familienzentrum MiniMaxi. An einem der Tische diskutiert eine Handvoll Erwachsener darüber, dass man eine Schule gründen mmüsste. Nur so, als Gedanke. Als Sehnsucht vielleicht.

Die eigenen Kinder sind noch klein, viele noch keine vier, fünf Jahre alt. Aber wir spüren bereits: Wir wollen für sie etwas anderes. Für die meisten von uns ist es die Suche nach einer Alternative: der Reformstau im deutschen Schulsystem ist unübersehbar, die ersten PISA-Studien zeigen Ergebnisse, die erschüttern. Nicht (nur) die Leistung ist das Problem, sondern die Art, wie Schule funktioniert: der Sortier- und Selektionsmechanismus, der Notendruck, die 45-Minuten-Taktung, die Angst vor dem Scheitern.

Wir wollen etwas anderes. Aber was genau?

Die Antwort liegt zunächst gar nicht in einem ausformulierten Konzept, sondern in einer tiefen Überzeugung: Schule muss Kinder für die Zukunft stark machen – für eine Zukunft, die niemand genau kennt. Und Schule soll ein Ort sein, an dem Kinder jetzt, heute, glücklich sein dürfen. Nicht erst später, wenn sie erwachsen, wenn sie vielleicht “erfolgreich“ sind.

Ein halbes Jahr nach dem Sommerfest, am 02. Februar 2004, versammeln sich sieben Gründungsvorstände des „Freien Schule Lindau e.V.“ und sieben weitere Gründungsmitglieder in der Sprachschule Dialoge.[1] Aus verschiedenen Richtungen und in guter Fügung finden sich – auch fachlich – die richtigen: Aus den 14 Menschen bildet sich eine aktive Kerngruppe um den Vorstand und trifft sich von da an wöchentlich am Esstisch im Hause Altenried – um diese Sehnsucht und mit dem klaren Ziel vor Augen: Schulstart 2005.

Franks erstes Telefonat mit dem Regierungspräsidium in Augsburg wird zur Legende: „Wir wollten eine Schule gründen“, erzählt er später auf der Bühne des Stadttheaters zum 10-jährigen Jubiläum. „Wir dachten: nette Räume, tolle Pädagogen, ein kleines „Konzeptle“, ein Bankkonto und eine Meldung beim Finanzamt. Passt das so? Ach ja, und wir würden gerne im Sommer 2005 anfangen.“

Die Antwort der zuständigen Schulbehörde ist ernüchternd: Ein umfassendes, detailliertes pädagogisches Konzept, das auch begründet, warum eine solche Schule in Lindau überhaupt gebraucht wird. Ein ebensolches Finanzkonzept, das nachweist, dass die ersten Jahre ohne Förderung finanziell komplett von den Eltern getragen werden. Staatlich anerkannte Lehrerinnen und Lehrer plus eine Schulleitung mit mehreren Jahren Erfahrung, die alle bereit sind, ihren Beamtenstatus zu verlieren. Familien, die ihre Kinder verbindlich anmelden und für die Startjahre finanziell persönlich bürgen. Und einen Mietvertrag über zehn Jahre für genehmigte Schulräume, in denen nachgewiesen werden muss, dass in zehn Jahren alle Schülerinnen und Schüler aufgenommen werden können. Und außerdem sollten wir uns das mit 2005 aus dem Kopf schlagen: 2008/2009 sei als Starttermin realistisch.

„Alles klar“, sagt Frank, der Visionär, “machen wir gerne – gaaar kein Problem.“ Und dann legt er auf und denkt: „Au weia, heiliger Strohsack.“

Aber es will der Augenblick, dass wir nicht allein sind. Und dass viele andere eine ähnliche Sehnsucht in sich entdecken, sich mit uns begeistern und auf den Weg machen wollen. Menschen, die den Mut haben, etwas zu beginnen, das noch nicht existiert. Eine „Besatzung für ein Schiff, das noch gar nicht gebaut war“, wie wir später sagen werden.

In Ermangelung eines physischen Ortes ist Carolin König über eine freie Nummer ihres privaten Telefon-Anschlusses quasi rund um die Uhr Info-Telefon, Sekretariat und Anmeldung. Knapp eineinhalb Jahre später laufen die Anträge für die Schuleröffnung, Räume sind gefunden, Gespräche mit potentiellen pädagogischen Mitarbeiter:innen werden geführt. Der Schul-Verein hat zu diesem Zeitpunkt fast 100 Mitglieder.

„Die Schule neu denken.“

Am Anfang steht nicht ein fertiges Konzept, sondern die Suche nach einer neuen Grundhaltung zu Schule. Mit unseren vielfältigen fachlichen Perspektiven im Gründer-Team auf das Thema Kinder, Bildung und Lernen tauchen wir tief ein in Maria Montessoris „Hilf mir, es selbst zu tun.“ Wir lesen über Peter Petersens „Lernen fürs Leben“ und dass „erst im Zusammenleben der Mensch gebildet wird“. Und auch vom später umstrittenen Hartmut von Hentig „Die Menschen stärken, die Sachen klären.“ Wir schauen uns die Bielefelder Laborschule[2] an, besuchen reformpädagogische Einrichtungen in Wertingen und mehrere Freinet-Pädagogik-Schulen, machen selber Schulpraktika wie an der Pattonville Schule in Remseck. Wir sind berührt von der Haltung der Lindauer Kindergartenleiterin Rosmarie Guggenmos und der von Kurt Singer, dem Begründer der Aktion Humane Schule Bayern. Wir lassen uns begeistern vom mittlerweile verstorbenen Otto Herz „Die Schule neu denken“ und von seinem „ABC der guten Schule“, von Enja Riegels „Radikalität zur Gemeinschaftsschule“, später auch von Loris Malaguzzis Reggiopädagogik und von Arno Stern und seinem inspirierenden „Malort“, und vielen anderen. Von Menschen, die an vielen Orten vorleben und beweisen: Lernen geht auch anders.

Langsam kristallisiert sich heraus, wofür wir stehen wollen:

Eine Schule ohne Noten. Weil Lernen nicht messbar gemacht werden sollte durch Ziffern, die Kinder sortieren in „gut“ und „schlecht“, in „wertvoll“ und „weniger wertvoll“. Weil Kinder ein Recht haben auf individuelle Entwicklung, auf ihr eigenes Tempo, auf Umwege und Schleifen.

Eine Schule ohne 45-Minuten-Takt. Weil Lernen Zeit braucht, Rhythmus, Vertiefung. Weil ein rhythmisierter Ganztag andere Lernformen möglich macht: Freiarbeit am Vormittag, wenn die Kinder besonders wach und frisch sind. Projektlernen, das sich über Wochen entwickelt. Bewegte Pausen. Ateliers am Nachmittag für Theater, Zirkus, Musik, für all das, was Kinder in ihrer ganzen Person anspricht und fordert.

Eine Schule in jahrgangsübergreifenden Gruppen. Nicht weil wir das deutsche Schulsystem kopieren und dann ein bisschen umbauen wollten, sondern weil wir an ein uraltes Lernprinzip glauben: Kinder lernen voneinander. Die Jüngeren schauen zu den Älteren auf, die Älteren übernehmen Verantwortung für die Jüngeren. Jedes Kind ist erst „Lehrling“, dann „Geselle“, schließlich „Meister“, um dann in der nächsten Stufe erneut „Lehrling“ zu sein. Ein Kreislauf, der Halt gibt und Entwicklung sichtbar macht.

Eine Schule, die Schule als Lebensraum begreift. Die nicht um 13 Uhr endet sondern auch ganztägig Raum für Begegnung, für gemeinsames Essen, für geteilte Erlebnisse, für Spiel aber auch für Mitverantwortung im Miteinander und für Feste und Feiern schafft.

Eine Schule, die der Welt zugewandt ist. Die nicht nur Deutsch, Mathematik und Englisch unterrichtet, sondern globales Lernen ernst nimmt. Die Kinder einlädt, die Welt zu verstehen – in ihrer Komplexität, in ihrem Reichtum, in ihrer Gefährdung. Eine Schule, die die Nachbarschaft und die Innenstadt besucht und die im Wald lernt. Die internationale Partnerschaften sucht, Brieffreundschaften mit Schulen in anderen Ländern pflegt, Umweltbildung und Friedenserziehung nicht als „nice to have“, sondern als Kernauftrag begreift.

Eine Schule, die Kindern die eigenen Fragen zutraut. Die die Rolle der begleitenden Erwachsenen versteht als gemeinsames Suchen und Unterstützen beim Finden von Antworten. Die die Lust und die Faszination an den eigenen Fragen fördert, die nicht abwägt, ob eine Frage passend sein könnte, und die so keinen Zweifel an den eigenen Fragen schürt, sondern das Lernfeuer in gemeinsamer Neugier und in der Lust am Hinterfragen immer weiter anfacht.

Eine Schule, die Demokratie lebt. In der Kinder nicht nur über Demokratie lernen, sondern sie erfahren: in Klassengesprächen, in Schülervollversammlungen, in der täglichen Praxis von Mitbestimmung und Mitverantwortung, als feste Säule später auch in der Schulkonferenz. „Kinder sollen erleben„, schreiben wir ins Konzept, „dass sie ihr Lebensumfeld mitgestalten können, dafür aber auch mitverantworten müssen – Demokratie hautnah.

Für unser Konzept entsteht eine Liste, die wir in vielen Diskussionen erarbeitet haben. Eine Liste, die beschreibt, was Kinder in der FSL in ihrem Schulalltag erfahren sollen:

  • dass Menschen ein Recht auf Beachtung und liebevollen Umgang haben,
  • dass Kinder ein Recht auf Selbstbestimmung und ein Recht auf Hilfe haben,
  • dass wir als Individuen immer auch Teil einer Gruppe sind, dass Individualität in produktiver Spannung zu Werten wie solidarischem Teilen steht,
  • dass es unterschiedliche Menschen mit unterschiedlichen Fähigkeiten, aber gleichen Rechten gibt, und dass es normal ist, unterschiedliche Interessen zu haben,
  • dass Lernen ein selbst gesteuerter Prozess ist, der grundlegend für die eigene Bildung ist, der Horizonte öffnet, aber auch zeitweise mit Mühen und Plagen gekoppelt sein kann,
  • dass die Welt eine natürliche, technische, politische und soziale Welt ist, die sich in ständigem Wandel befindet, wobei man auf dem Weg zu einer gerechteren Welt auch lernen muss, Position für diejenigen zu beziehen, die weniger privilegiert, die bedroht sind.

Wir glauben daran. Wir glauben, dass Schule mehr sein kann und muss als Wissensvermittlung, deren höchstes Ziel gelingende Abschlüsse sind. Dass sie ein Ort sein sollte, an dem Kinder zu selbstbewussten, verantwortungsvollen, selbstwirksamen Menschen heranwachsen. Nicht obwohl die Welt komplex und unübersichtlich geworden ist, sondern gerade deshalb.

Und wir sehen uns konfrontiert mit Skepsis und Unglauben, mit Unverständnis und auch offener Ablehnung – auch aus den eigenen Herkunftsfamilien, teils sogar von den eigenen Partner:innen, von Freunden, von Kolleg:innen und in der Öffentlichkeit – Zweifel, ob Kinder und Jugendliche an so einer Freien Schule am Ende das lernen, was sie brauchen, dass sie überhaupt Abschlüsse machen werden, oder gar, dass sie die Chance auf höhere Schul- und Bildungsabschlüsse haben – in so einer „weichgespülten“ Schule.

Der Weg entsteht im Gehen

Und dann: geht es los.

Regula Strähl folgt als erste Schulleiterin unserem Ruf und unserer Einladung und verlässt dafür ihren Schulort in Afrika. Barbara Bosch-Becher, Sozialarbeiterin, Christiane Texdorf, Kunsttherapeutin, Chris Mulders, Grundschulpädagogin – sie alle sagen Ja zu diesem Wagnis. Die Stadt Lindau vermietet uns die gerade renovierten Räume in der ehemaligen Luitpoldkaserne – 1500 Quadratmeter, vollklimatisiert, direkt am See, Bus und Bahn vor der Tür. Als Frank beim zweiten Telefonat stolz von den 1500 Quadratmetern erzählt, kommt aus Augsburg nur: „Das ist viel zu viel für eine Schule in Gründung mit 8 bis 10 Kindern!“ – „Äh, Herr …, wir haben 46 Festanmeldungen für die Klassen 1 und 2.“

46 Kinder. 30 Familien, die mitmachen wollen. Viele von ihnen kommen aus dem Holdereggen oder dem Wald- und See-Kindergarten – Orte an denen sozial-emotionale Entwicklung, Beziehung und Bindung, das Lernen aus dem Erleben und eine starke Elternarbeit besonders im Mittelpunkt stehen. Fast 100 Vereinsmitglieder nach kaum einem halben Jahr, die die Idee unterstützen. Es ist keine kleine Elterninitiative mehr. Da ist in Lindau eine Bewegung in Gang gekommen.

Wir nennen unsere monatlichen Treffen „Jour Fixe“[3]. Dort geben wir unserer Schule Schritt für Schritt ein Gesicht. Wir besuchen gemeinsam andere Schulen. Wir ringen um die pädagogischen Grundzüge. Wir diskutieren, streiten manchmal auch: Wie viel Mitsprache sollen Eltern in einer von Eltern getragenen Schule haben? Wo endet Mitverantwortung, wo beginnt Einmischung ins Pädagogische? Wo brauchen Kinder und später Jugendliche Raum ganz ohne Eltern?

Wir kümmern uns um Raumgestaltung, führen Verhandlungen mit Banken und Kreditgebern und mit der Stadt, wegen der Nutzung und Gestaltung des Außengeländes, upcyclen alte Möbel, bauen Schwemmholzgarderoben und basteln Lernmaterial. Wir laden Eltern und Kinder ein, uns kennenzulernen. Wir werden Mitglied im Bundesverband der Freien Alternativschulen. Wir sind Begeisterte. Wir sind Mutige.

Und wir sind Ringende: Ringen um die demokratischen Strukturen, die Schulkonferenz als zentralen Entscheidungsort, den pädagogischen Rat als Reflexions-, Hüter- und Beratergremium für die gemeinsame Ausrichtung. Ringen um die Rolle der Eltern, von denen sehr viel mehr praktisches Engagement eingefordert wird, als an einer Regelschule. Und darüber, dass wir eigentlich eine Schule für alle sein wollen, aber auf die Notwendigkeit zur Erhebung von Schulgeld stoßen und deshalb einen Weg zu einem sozialgerechten Schulgeldmodell suchen und zur Ermöglichung von Stipendien. Und wir ringen darum, wie wir gesellschaftliche Vielfalt integrieren und wie wir Inklusion leben können.

Und ja, wir haben auch falsche Hoffnungen geschürt, haben Dinge versprochen, die wir nicht halten konnten, haben manch einen Menschen enttäuscht und manche Menschen auf dem Weg verloren.

Im Frühjahr 2005 genehmigt die Regierung von Schwaben den Betrieb der Freien Schule Lindau als Grundschule. Über Nacht sind dem steinernen Adler an der Ecke zum Uferweg 5 bunte Flügel gewachsen und wer genau hinsieht kann ihn lächeln sehen.

Zwei Jahre später wird unsere FSL als staatliche Schule in freier Trägerschaft anerkannt, während wir parallel und gemeinsam mit Mitgliedern des pädagogischen Teams am Konzept und Antrag für die Hauptschule arbeiten. 2008 kommt die Genehmigung zum Betrieb der Hauptschule, heute Mittelschule. Die Schule wächst Jahr für Jahr um eine Stufe. 2013 machen die ersten Mittelschulabgänger ihre externen Abschlussprüfungen, 2014 verlassen die ersten Schüler:innen nach der 10. Klasse und mit Mittlerer Reife unsere Schule.

Aus 46 Kindern werden über die Jahre rund 180. Aus knapp drei Handvoll engagierter Eltern und einem Startteam von 4 Pädagoginnen wird eine Gemeinschaft aus heute 145 Familien, weit über 400 Vereinsmitgliedern, und mit einem rund 35 Personen starken Team – die trägt, gestaltet, hinterfragt und weiterentwickelt, Tag für Tag – mit allen Konflikten, die das mit sich bringt, mit allen Lernprozessen, die nötig sind. Aus der Sehnsucht wird ein Lern- und Arbeitsort, eine Unternehmung, ein Arbeitgeber, eine feste Größe in der Bildungslandschaft am Ostufer des Bodensees. Und auch ein Inspirationsort für andere.

Was wir unterwegs gelernt haben

Eine Schule zu gründen ist das eine. Eine Schule weiterzuentwickeln, sie am Leben zu halten, ihr zu erlauben zu wachsen und sich zu verändern – das ist etwas anderes.

Wir haben gelernt: Eine Schule ist kein Projekt, das man „fertig“ bekommt. Sie ist ein lebendiger Organismus, der sich wandelt, der neue Menschen aufnimmt und andere verabschiedet, der auf neue Herausforderungen reagieren muss, der sich immer wieder neu erfinden darf.

Wir haben gelernt: Nicht alle können und wollen mitgehen. Manche haben unterwegs einen anderen Weg gewählt. Manche fanden in der Realität nicht das, was sie sich erhofft hatten. Manche brauchten für ihre Kinder etwas anderes, als wir bieten konnten. Das ist schmerzhaft gewesen – für sie und für uns. Aber es ist auch okay. Eine „fehlerfreundliche Gemeinschaft“ zu sein bedeutet nicht, dass alle bis zum Ende dabeibleiben müssen.

Wir haben gelernt: Die Balance zwischen Elternschule und pädagogischem Raum ist schwierig. In meinem Beitrag zur Festschrift zum 10-jährigen Jubiläum habe ich gefragt: „Wie viel Eltern braucht eine solche Schule? Können Eltern Schule machen? Oder wird das dann nicht eher ein Ort, an dem vor allem all die Elternträume und Elternängste zum Ausdruck kommen?“ Die Antwort, zu der ich damals gekommen bin, war: Eltern sollten Vertrauen schenken. Unseren Kindern. Den Pädagog:innen. Dem Prozess. Vielleicht ist das der größte Lernschritt gerade für Eltern: ihren Kindern vertrauen, ihnen etwas zutrauen und ihnen das Leben zumuten.

Wir haben gelernt: Eine wachsende Gemeinschaft braucht neue Strukturen. 46 Kinder sind etwas anderes als 180. Eine überschaubare Gruppe von Gründungseltern ist etwas anderes als eine stetig wechselnde und wachsende Schulgemeinschaft, in der die Gründergeneration nach und nach in die Minderheit gerät und schließlich ganz geht. Entscheidungsprozesse, die in einem kleinen Kreis funktionieren, funktionieren nicht mehr, wenn die Gruppe größer wird. Neue Formen der Kommunikation, der Partizipation, der Verwaltung, der Konfliktlösung, auch der Führung werden nötig.

Wir haben gelernt: Eine Schule als gewachsene Organisation ist ein lebendiger Organismus. Sie braucht beständig Energie, die sie nährt und sie kann dran scheitern, wenn sie ihr ausgeht. Und sie braucht deshalb ein Herz, das den Puls für die Gemeinschaft schlägt, das Kinder und Jugendliche, Pädagog:innen und Eltern begeistert und einlädt, beherzt und trotz Wachstum und Größe das Miteinander immer neu zu finden und zu pflegen.

Und: Wir haben gelernt, dass gute Vorsätze allein nicht reichen. Dass es nicht nur darauf ankommt, was wir denken oder fühlen oder wollen und was wir in Papiere, Konzepte oder die Webseite schreiben, sondern darauf, was wir tatsächlich tun. Dass Haltungen gelebt werden müssen, Tag für Tag, im Kleinen wie im Großen, damit sie wirken können.

Was uns nicht gelungen ist

Jetzt, 20 Jahre später, möchte ich ehrlich sein über etwas, das – wie ich finde – uns damals nicht gelungen ist: Wir haben es nicht geschafft, zu einer wirklichen Klarheit zu kommen, wofür diese Schule im Kern steht und wie dies in der wachsenden Gemeinschaft beständig vermittelt, erneuert und weiterentwickelt werden kann.

Wir hatten bei allem Mut auch Angst. Angst, Menschen auszuschließen, zu eng zu werden, zu spezifisch. Angst, nicht genug Familien zu finden, nicht genug Pädagog:innen zu gewinnen. Wir wollten offen sein für alle – auch inhaltlich. Aus allen reformpädagogischen Konzepten das „Beste“. „Bloß keine Dogmen“ wurde zu unserem Dogma.

Das klingt großzügig. Aber der Preis ist, dass wir in der wachsenden Gemeinschaft keine gemeinsame Klarheit entwickeln konnten über die Werte, die uns wirklich wichtig sind. Wir haben ein gutes pädagogisches Konzept geschrieben – aber ein Konzept ist noch keine gelebte Haltung, kein gemeinsames Ethos, das wir täglich spüren und weitergeben.

Und so ist die Schule gewachsen mit einer Diffusität im Kern. Menschen kommen in die FSL mit sehr unterschiedlichen Erwartungen. Wenn eine Schulgemeinschaft aber nicht klärt, wofür sie wirklich steht, fehlt Orientierung. Für Pädagog:innen, für Eltern und vor allem: für die Kinder.

Ich sehe das als unser Gründungsversäumnis. Wir hätten – im miteinander Wachsen – mutiger, klarer, eindeutiger sein können in dem, wofür unsere Schulgemeinschaft steht.

Aber: Obwohl uns das nicht gelungen ist – unsere Schule ist doch ein toller Ort geworden. Nicht perfekt, aber ein Ort, an dem vieles, was uns zur Gründung visionär schien, längst alltäglich geworden ist. Für sehr viele eine echte alternative Schulheimat. Ein lebendiger Lernort für Kinder und Jugendliche. Ein sicherer Arbeitsplatz für ein vielfältiges pädagogisches Team. Ein Ort des Engagements von und für Eltern. Und sogar für unser Umfeld eine „echte“ Schule.

Die Chance, die jetzt vor euch liegt: Die Schule steht stabil da. Jetzt könnt ihr euch in die Größe nach innen wagen. Mutig die Kernfrage neu stellen, stufenübergreifend, miteinander: Was brauchen die Kinder heute? Was brauchen sie für morgen? Und wie findet ihr gemeinsam – mit Kindern, Pädagog:innen und Eltern – neue Antworten auf die Fragen der Gegenwart?

Die Frage an heute:

Was brauchen Kinder für die Welt von morgen?

Die Schulabgänger von 2005 sind heute Mitte bis Ende zwanzig. Die ersten von ihnen sind bereits selbst Eltern geworden. Sie leben mit uns in einer radikal veränderten Welt.

Wie hört sich die Frage von Otto Herz heute an?

Ein Kind, das 2026 – also in diesem Sommer – eingeschult wird, wird bei guter Gesundheit um das Jahr 2100 herum auf sein Leben zurückschauen können. 2100 – stellt euch das vor.

Wir wissen nicht, wie die Welt dann aussehen wird. Aber wir können ahnen: Klimakrise, Biodiversitätskrise, Künstliche Intelligenz, Desinformation, Kriege. Eine radikal veränderte Lebens- und Arbeitswelt. Krisen, die wir heute noch nicht erahnen können.

Aber auch: Neue Möglichkeiten, Technologien, Energiequellen. Neue Formen von Solidarität und Kooperation. Vielleicht neue Räume für Demokratie, für Gerechtigkeit, für ein gutes Leben für alle – wir Menschen als Teil einer Welt im Respekt ihrer natürlichen Grenzen. Wer weiß?

Was brauchen Kinder, die in eine solche Welt hineinwachsen? Was heißt für sie heute „lernen, es selbst zu tun“? Ich glaube, sie brauchen das, was wir schon 2005 geahnt haben – aber heute noch dringender:

Selbstvertrauen. Das Wissen und Erleben, dass sie etwas bewirken können, dass ihre Stimme zählt. Und dass Freiheit auf Selbst- und Mitverantwortung gedeiht.

Beziehungsfähigkeit. Die Fähigkeit, zusammenzuarbeiten, Unterschiede anzuerkennen und Konflikte auszuhalten, Empathie zu entwickeln, Mitgefühl zu zeigen und Liebe zu schenken.

Kritisches Denken. Die Fähigkeit zu hinterfragen, den eigenen Fragen zu trauen, die Dinge in Frage stellen zu dürfen. In einer Welt voller alternativer Fakten, Deepfakes, Bots und KI ist das überlebenswichtig.

Kreativität. Die Fähigkeit, neue Wege zu finden, sich selbst neu zu erfinden, Umwege, Scheitern und Neuanfänge als Teil des Lernens und des Lebens zu akzeptieren.

Ökologisches Bewusstsein. Das Verständnis, dass wir Teil eines größeren Ganzen sind, dass unser Handeln Konsequenzen hat – und dass wir Verantwortung tragen können.

Und vor allem: Orte der Haltung.

Orte, an denen sie erleben, wie Erwachsene Position beziehen – nicht dogmatisch, aber klar. Für ein Miteinander in Gemeinschaft. Für Wachsen in Beziehung. Für Gerechtigkeit, Menschenwürde, Demokratie, Frieden. Orte der Offenheit, wo hinzuhören und dialogbereit sein die verbindende Haltung ist. Sichere Orte mit eindeutigen Ritualen der Aushandlung. Orte, wo sie ihre eigene Stimme finden, wo sie Haltung üben können – in Klassengesprächen, Versammlungen, in Schulgremien, in Projekten, im Alltag. Tag für Tag.

Ein wohlwollendes Loslassen

Ich bin das letzte Gründungsmitglied, das noch ein Kind an dieser Schule hat. In diesem Sommer verlässt unser jüngstes Kind die Schule. Damit geht auch meine Zeit als aktiver Teil dieser Schulgemeinschaft zu Ende. Das ist richtig so.

Eine lebendige Schule erneuert sich stetig. Sie heißt neue Menschen willkommen und erlaubt ihnen, diese Schule zu ihrer Schule zu machen, sie auf die nächste Zukunft auszurichten.

Aber das bedeutet nicht, beliebig zu werden. Ganz im Gegenteil.

Gerade jetzt, aus der Sicherheit dessen, wo diese Schule heute steht, könnt ihr die großen Fragen neu stellen: Wofür wollen wir in Zukunft stehen, wenn unsere Schule Kinder auf die Zukunft vorbereiten soll? Was könnte unsere Schule noch sein? Und wie findet die Schulgemeinschaft in dieser veränderten Welt zu so einer geteilten, gelebten Haltung?

Habt den Mut zur Klarheit. Zur Eindeutigkeit. Auch mit dem Risiko, dass manche sagen: „Das ist nicht meine Schule.“ Denn wenn eine Schule für alles offen ist, wofür steht sie dann?

Kinder brauchen – jetzt mehr denn je – Orte, die für etwas stehen. Die ihnen Haltung vorleben, vermitteln, ermöglichen. Und ihr habt den jetzt Rahmen und die Kraft dazu.

„Wer ein „Warum“ hat, kann mit fast jedem „Wie“ umgehen.“

Der Psychiater und Holocaust-Überlebende Viktor E. Frankl hat das einmal gesagt.

Das Warum unserer Schule ist die Zukunft unserer Kinder.

Im Sommer vor fast 23 Jahren entzündete dieser ermutigenden Gedanken in ein paar Menschen eine Sehnsucht. Und gute 20 Jahre läuft der Schulbetrieb jetzt an unserer Freien Schule Lindau. Das ist eine lange Zeit – und doch nur der Anfang. Die nächsten 20 Jahre liegen vor euch. Ihr werdet entscheiden, was diese Schule sein wird, wofür sie stehen wird, welche Spuren sie hinterlassen wird.

Ich wünsche euch den Mut, groß zu denken – aber nicht beliebig. Die Klarheit, Position zu beziehen – auch wenn das unbequem ist. Die Weisheit, das Erbe der Gründungszeit anzuerkennen und zugleich weiterzuentwickeln, für eure Zeit fruchtbar zu machen.

So bleibt ein vertrauensvoller Abschiedsgruß von einem, der diese Schule mit ins Leben gerufen hat und der jetzt loslässt.

Von Herzen alles Gute,

Robert Pakleppa
aus der Gründungsgeneration der Freien Schule Lindau, im Februar 2026

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Dieser Text baut auf zahlreichen Dokumenten, Protokollen und Konzepttexten aus der Gründungsphase 2003-2005 wie auch auf Texten zum 10jährigen Jubiläum 2015 der Freien Schule Lindau auf. Er ist vor allem eine Geschichte des Anfangs. Er ist höchst unvollständig, denn so viel ist seither geschehen, so viele Menschen haben unsere Schule in weiteren Jahren und bis heute getragen und geprägt, die genannt gehören bitte seht mir das nach. Und schreibt diese, schreibt eure Geschichte weiter, aus anderen Perspektiven.

Vielen Dank den Gründungsmitgliedern Peter Altenried, Ulrike Lorenz-Meyer, Carolin König, Uta Altenried, Michaela Dietenmeier und Frank Gebhard, Stefan Fürhaupter, Karsten und Sabina Grimberg und Suzanne Pakleppa für liebevolles und kritisches lesen, Resonanz geben, meine Gedanken ergänzen und bisweilen Erinnerungen korrigieren. Es war – mit allen Herausforderungen – eine so besondere und kraftvolle Zeit, in der wir uns gemeinsam auf den Weg gemacht haben. Es war ein Geschenk mich jetzt, nach über 22 Jahren, mit Euch allen an diese Zeit zurückzuerinnern. Das erfüllt mich mit großer Dankbarkeit.


[1] Die Gründungsmitglieder dieser Startphase: der mittlerweile verstorbene Hartmut Alphei, ehemaliger Studiendirektor und langjähriger Reformpädagoge, Carolin König und Michaela Dietenmeier, Logopädinnen, Frank Gebhard,  Sprachschulleiter, Uta Altenried, Grundschullehrerin, Peter Altenried, Steuerberater und Robert Pakleppa, Sozialpädagoge und Sozialunternehmer. Bei der Gründungsversammlung und als erste Mitglieder werden sie in diesen Momenten des Anfangs unterstützt von den Pädagog:innen Stefan Fürhaupter und Christiane Thiesen, Gabriele Ruprecht, Lehrerin, Elke Walser, Sozialpädagogin und Yoga-Lehrerin, Andreas König, Zahnarzt und Ulrike Lorenz-Meyer,  Ärztin. Karsten Grimberg, Coach ergänzt kurz danach das aktive Gründungs-Kernteam.

[2] Die Laborschule Bielefeld, gegründet 1974 als wissenschaftlich beforschter Schul- und Schulentwicklungsort, setzt bis heute maßgebliche Impulse in der Schulentwicklung deutschlandweit. Mit ihrem weit gefassten offenen Verständnis und der durchgängig reflektierten Wirkungspraxis von und um Reformpädagogik stand sie uns in vielerlei Hinsicht Pate, von den Leitgedanken des Konzeptes, über die Schule als „Gesellschaft im kleinen“, bis zur praktischen Planung offener Schulräume. Ein Blick lohnt auch heute auf: laborschule-bielefeld.de

[3] „FSL Jour Fixe“ sind die durch den Gründungsvorstand und das Kernteam vorbereiteten und moderierten monatlichen, Vollversammlungen der stetig wachsen Gründergemeinschaft, mit bis zu 90 Teilnehmenden. Hier werden neue Mitglieder willkommen geheißen und aufgenommen, vor allem aber werden hier alle offenen Fragen aufgenommen und alle konzeptionellen, organisatorischen und finanziellen Themen der Gründung und des Schulbetriebs diskutiert und durch die Gemeinschaft entschieden.